[is]  Vieles, was man in gedruckter Form oder auch im Web zu sehen bekommt, ist Geschmacksache – und über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Irgendwann aber haben wir alle, die wir uns täglich morgens in der GM-Grafik treffen, mal was Ordentliches gelernt: Mediengestalter, Typograf oder Schriftsetzer zum Beispiel. Und als Jünger der „schwarzen Kunst“ fallen einem da manchmal Sachen ins Auge, die schmerzen schon ein bisschen …

Zum Beispiel – drücken wir es mal nett aus – der großzügige Gebrauch von Versalien. Versalien sind Großbuchstaben (auch Majuskeln genannt). Der Begriff Versal [lat. versus = das Umwenden des Pfluges, der Furche, der Zeile] leitet sich von der Rolle der Großbuchstaben als Mittel des Hervorhebens, der Schriftauszeichnung bei Versanfängen bzw. am Beginn des Textes ab und das bereits seit dem 5. Jahrhundert.

Weitere Möglichkeiten der Auszeichnung sind:

  • unterstrichen
  • bold (fett)
  • italic (kursiv)

Das Highlighten durch Großbuchstaben ist aber weiterhin recht beliebt. Eine Unterform der Versalien sind die Kapitälchen. Sie sehen aus wie Großbuchstaben, sind aber nur so hoch wie die normalen Kleinbuchstaben.
Für viele Schriften wurde dieser spezielle Schriftschnitt angelegt: Die „echten Kapitälchen“ oder Small Caps. Bei den „falschen Kapitälchen“ handelt es sich um Großbuchstaben, die nur in der Größe verändert wurden. Bei ihnen ist die Strichstärke der Zeichen feiner und das gesamte Schriftbild dadurch uneinheitlich.

bsp_kapitaelchen
Bei echten Kapitälchen bleibt die Strichstärke gleich, bei falschen wird sie mit verkleinert.

Eine weitere Schwierigkeit bei der Verwendung von Großbuchstaben ist das ß, also das Eszett. Die Problematik ist identisch mit der der Kapitälchen und kann zu absoluten optischen Typo-Katastrophen führen. Das große Eszett ist zwar kein Bestandteil der amtlich verbindlichen deutschen Rechtschreibung, trotzdem wurde es 2008 in den internationalen Standard Unicode für Computerzeichensätze aufgenommen. Aber eigentlich hat das ß nichts in Kapitälchen oder einem Versalsatz zu suchen – es sollte wirklich immer, immer, immer durch das Buchstabenpaar SS ersetzt werden! In den meisten Fällen stellt dieser Austausch kein Problem dar, es gibt natürlich Sonderfälle, wie z. B. die Unterscheidung von Masse und Maße, die bei Verwendung von „SS“ nur sinngemäß funktionieren kann. Aber das ist eine von sehr wenigen Ausnahmen.

bsp_esszett
Das Eszett als Großbuchstabe? BeSSer nicht! 😉

In der Typografie gibt es immer wieder die Vorgabe, bei feststehenden Begriffen, Namen oder Firmierungen das ß als Großbuchstabe zu erhalten. Deswegen gibt es schon seit Ende des 19. Jahrhunderts entsprechende Schriftvorschläge und Entwürfe.
Während sich die einen Designer gestalterisch an das kleine ß anlehnen, tendieren die nächsten zu einer Ligatur aus SS oder SZ. Die dritten bevorzugen eine ganz neue Gestaltung mit einem diakritschen Zeichen analog z. B. dem Á oder auch dem Ç. Bei allen drei Varianten besteht allerdings die Schwierigkeit, dass das ß als solches im Lesefluss nicht sofort erkannt wird oder sich nicht harmonisch in das Schriftbild einpasst.

Der optische Supergau, der hier nicht fehlen darf, sind Großbuchstaben-Worte aus einer Schreibschrift. Das ist weder schön noch lesbar und daher absolut nicht zu ertragen für den normalsterblichen „Schriftgelehrten“. Schreibschriften sind oft so konzipiert, dass der Beginn eines Hauptwortes hervorgehoben wird, aber nicht der gesamte Schriftzug. Schnörkel, wie bei englischen Schreibschriften, oder besonders kreativ gestaltete Großbuchstaben haben ihre Daseinsberechtigung als Hingucker, sind aber nicht für kompette Texte geeignet. Dieses Anwendeverbot sollte auch für ganz kurze Worte oder Namen auf Einladungen gelten. Schließlich soll ja klar sein, wer was feiert …

bsp_schreibschrift.jpg
Wie, Du hast es nicht sofort erkannt? Wir auch nicht.

Abschließend nur so viel: Auch Versalien-Völlerei ist und bleibt eine Tod… naja, Typosünde und wir gehen davon aus, dass auch sie mit der Verbannung in die Hölle und dem Erleiden ewiger Schmerzen bestraft wird! 😉

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